Multispecies Assembly
Abschluss des On Water. Parcours mit der Confluence of European Water Bodies 2026
Hoch wächst das Schilf. Beim Gang über die schmalen Stege bewegen sich die scharfkantigen Blätter raschelnd. An der wundersamen Floating University kamen am 6. September 2026 Hunderte Menschen zur „Multispecies Assembly“ zusammen. Die neunte und letzte Veranstaltung des On Water. PARCOURS verband wissenschaftliche und künstlerische Forschung mit der Frage, wie wir mit aquatischen Ökosystemen leben, für sie sorgen und über ihre Zukunft entscheiden.
Der Tag führte zwei Wege zusammen: die Auseinandersetzung mit Berlins Wasserwissen in den neun Veranstaltungen des PARCOURS und die viertägige Confluence of European Water Bodies 2026. Bei dieser Zusammenkunft tauschten sich Vertreter:innen von über 40 europäischen Flüssen, Seen, Lagunen, Gletschern und Feuchtgebieten über unsere Beziehung zu Wasser aus. Sie brachten Perspektiven von Spree, Oder, Ouse, Mar Menor und vielen weiteren europäischen Gewässern und ihrer Wasser-Bewohner in die gemeinsame Abschlussveranstaltung ein. An diesem Sonntag, nahmen sie sich viel Zeit für die vielfältigen Lebewesen, die am und mit dem Wasser leben.
Was kann man sich unter einer Multispezies-Versammlung vorstellen? Die Einladung war, Gewässer sowohl als Lebensräume vieler Arten als auch als ökologische, kulturelle und politische Gemeingüter zu betrachten. Wie würde sich unser Blick verändern, wenn wir auch die Bedürfnisse ihrer nichtmenschlichen Bewohner berücksichtigen würden? Lässt sich aus dieser Perspektive eine Stadt wie Berlin zukunftssicher gestalten?
Die Floating University bot dafür einen besonderen Ort. Als Regenwasserrückhaltebecken für den ehemaligen Flughafen Tempelhof angelegt, ist sie zwar menschgemacht und toxisch belastet, bietet aber auch Lebensraum für Feuchtgebietspflanzen, Insekten, Vögel und Säugetiere. Technische Infrastruktur und lebendige Ökosysteme sind hier unmittelbar miteinander verflochten. Sensorische Führungen des Floating e.V. erschlossen den Teilnehmenden den Ort, seine Geschichte und seine heutige Nutzung. Die Ausstellung „Living Infrastructures“ vertiefte den Blick auf seine Entwicklung zu einem interdisziplinären Lernort, an dem Natur und Kultur zusammenkommen.
Wasserwissen mit allen Sinnen
Wasserforschung und oft unsichtbare Beziehungen zu Gewässern sinnlich erfahrbar zu machen, ist ein Kernelement des On Water. PARCOURS. Am Vormittag eröffneten die partizipativen Angebote unterschiedliche Zugänge: durch Hören und Sprechen, Zeichnen und Erzählen, Schmecken und Erinnern.
Die Stimm- und Performancekünstlerin Alessandra Eramo verband die Teilnehmenden ihres Workshops „River Song“ zu einem Resonanzkörper. Behutsam erkundeten sie ihre Stimme und ihre Ausdrucksmöglichkeiten in Beziehung zu Flüssen und den Klängen der Mitwelt. Sie äußerten Laute – flüchtig und verkörpert – und nahmen ökologische Erinnerungen wahr, die ein Fluss in sich trägt wahr. Hoch- und Niedrigwasser, Fels, Strömung und Staub wurden zu spekulativen Klanggeschichten. Mal still und weich, dann plötzlich laut entstand eine intensive Fluss-Mensch-Klangwelt, in der Aufmerksamkeit und körperlicher Ausdruck ineinandergriffen.
Dr. Lisa Cronjäger, Wissenschaftshistorikerin am Berlin Anthropocene Lab der TU Berlin, richtete im Workshop „Reflecting on Water“ den Blick auf unsichtbare Sedimente. Sie brachte Geistes- und Naturwissenschaften sowie Teilnehmende aus Berlin/Brandenburg, Sachsen, Bolivien, Serbien, Schweiz, UK, und Ukraine in einen lebendigen Wissensaustausch. In Skizzen und Geschichten über persönlich vertraute Gewässer des Anthropozäns teilten die Teilnehmenden ihr Wissen und ihre Erfahrungen, das eine wissenschaftliche Bohrkernanalyse eines Flusssediments allein nicht erfasst. Die Ergebnisse des Workshops bestärkten Cronjäger darin, subjektive Ortswahrnehmungen und erfahrungsbasiertes Wissen in Forschung und Lehre einzubeziehen.
Im Workshop “Metamorphic Membranes" arbeiteten die Künstlerin Cholena de Koningh und die Bodenwissenschaftlerin Selina Tenzer erstmals zusammen. Eine Teeverkostung mit Pflanzen, die am Wasser wachsen, verband sinnliche Erfahrung mit wissenschaftlichen Einblicken: Die Teilnehmenden konnten die Pflanzen schmecken und zugleich ihre Rolle im Wasserkreislauf kennenlernen. So entstand ein Austausch, der Menschen, Pflanzen, Wasser und die Floating University als Lebensraum einbezog. Persönliche Geschmackserlebnisse verbanden sich mit neuem Wissen und eröffneten der international zusammengesetzten Workshop-Gruppe neue Perspektiven auf die umgebenden Ökosysteme.
Den ganzen Tag über lud die Wissenschaftskommunikatorin Pauline Münch von der HU Berlin mit „Dear River" dazu ein, eigene Botschaften an Flüsse zu hinterlassen. Besucher:innen aus Berlin und aller Welt verfassten Briefe, Zeichnungen und Gedichte. Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen fanden Eingang in das wandernde Archiv, das in einer Zusammenarbeit mit Desirée Hetzel vom Public Science Lab der TU München entstanden war.
Teilhabe im Spreeökosystem
Die Erfahrungen des Vormittags fanden am Nachmittag eine gemeinsame politische Zuspitzung: Wie lässt sich über die Zukunft eines Flusses entscheiden, wenn die Perspektiven seiner unterschiedlichen Bewohner:innen einbezogen werden? Im offenen Auditorium der Floating University versammelte sich das Publikum zum “Spree Species Council", einer partizipativen Performance von Club Real/Organisamendemokratie.
Die Teilnehmenden schlüpften in die Rollen von Arten, die das Ökosystem der Spree ausmachen: Krebse, Algen, Bakterien, Schilf, Fische oder Otter. In einer zugleich lebhaften und konzentrierten Atmosphäre debattierten sie ausgiebig auf arttypische Weise. Anstelle von „Zielkonflikten“ entfalteten sich durch die Multispezies-Perspektiven eine große Bandbreite an Sichtweisen und Interpretationen, die in spontanen Redebeiträgen während der Versammlung geteilt wurden. Schließlich fand die von Jubel begleitete Abstimmung über die vier alternativen Initiativen zur Zukunft des Flussökosystems statt. Die entstandene Verbundenheit unter den Teilnehmenden des “Spree Species Council", hat selbst das erfahrene Performance-Kollektiv überrascht. Die Versammlung zeigte eindrücklich, wie sich politische Teilhabe jenseits des menschenzentrierten Denkens performativ umsetzen lässt.
Was bleibt und weiterfließt
Zum Abschluss blickte die Programmverantwortliche der Berlin University Alliance Dr. Nina Samuel gemeinsam mit den Ko-Kuratorinnen Tuçe Erel und Sina Ribak auf den Wissensaustausch des PARCOURS zurück. Dabei flossen auch Antworten des Publikums ein, die im Laufe des Tages über ein Faltblatt mit QR-Code gesammelt worden waren. Was ist uns wichtig, das durch Wasser geprägt wurde? Und was wäre unsere erste Handlung, wenn wir Teil einer künftigen Spree-Versammlung wären?
Die Antworten reichten von der Betonung der Unzertrennlichkeit von Wasser und Menschen bis zur Forderung nach einer öffentlichen Kampagne für die Rechte von Flüssen. Eine Rückmeldung beschrieb Wasser als Träger von Erinnerungen und kollektiver Identität. Sie griff damit eine Frage auf, die den Tag durchzog: Werden die erlebten Perspektivwechsel auch die Art verändern, in der wir mit Gewässern leben und für sie Verantwortung übernehmen?
Mit der „Multispecies Assembly“ endete eine Veranstaltungsreihe, die über zwei Jahre hinweg in neun Stationen unterschiedliche Formen der Verantwortung und der Koexistenz mit Wasser erprobt hatte. Der Abschluss brachte noch einmal zusammen, was den PARCOURS prägte: den Dialog zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, künstlerischer Forschung und Erfahrungen aus der gesellschaftlichen Praxis. In enthusiastischer Stimmung wurde ein offener Raum für einen lebendigen Wissensaustausch geschaffen.
Der Dank des On Water. PARCOURS gilt allen Teilnehmenden aus Wissenschaft, Kunst und Stadtgesellschaft sowie den Kooperationspartner:innen, die die Reihe ermöglicht haben.
Während der PARCOURS mit diesem Tag seinen Abschluss fand, bleibt die Ausstellung “On Water. WasserWissen in Berlin” im Humboldt Labor bis September 2027 geöffnet.